Donnerstag, 21. Oktober 2010

Gaaaanz tief gesunken

Um genau zu sein, 420Meter unter dem Meeresspiegel, sind Andy und ich gewesen. Richtig, wir haben uns zwei Tage Urlaub am Toten Meer gegönnt. Es fährt exakt eine Buslinie dort entlang und da ausschließlich Touris und Urlauber dorthin fahren, ist diese auch besonderst teuer. Nun ja, auf dem Programm stand eigentlich, dass wir drei Tage dortbleiben wollten um uns alle Sehenswürdigkeiten vorzunehmen, ich musste am letzten Tag aber doch arbeiten. So begannen wir ganz oben, nämlich mit Qumran. Okay, zugegebenermassen, wir haben die Bushaltestelle verpasst und haben somit irgendwo in der Pampa angefangen. Dort gab es nur einen überteuerten Naturpark, sodass wir uns entschlossen, zurück zu trampen. Hat auch wunderbar geklappt und so sind wir mit großen Erwartungen in Qumran angekommen. Begonnen hat der Spaß mit einem Film im Megabreitbildformat, nämlich über 3 Leinwände verteilt. Das war auch notwendig, sonst wäre es das Geld wohl nicht wert gewesen. Außer ein paar Informationen, einen Haufen Steine und einen Ausblick auf die legendären Höhlen gab es hier nichts zu holen.
Also ging es weiter mit dem Bus, nachdem das Trampen nicht geklappt hat, nach Mitspe Shalem oder genauer gesagt dem Mineral Beach. Der hat sagenhafte 45Shekel (10€uro) Eintritt gekostet! Gut, es ist auch eine der wenigen Badestellen am Toten Meer, wo es zudem noch Heilschlamm und ein 39Grad heißes Sulfurbad (welches wir beinah übersehen hatten) gab. Meine Haut hat den Schlamm allerdings nicht als sehr wohltuend empfunden, da er so enorm salzhaltig ist. Aber das Schwimmen im Toten Meer ist definitiv eine einzigartige Sache die man nur empfehlen kann!
Jetzt kam wieder die spannende Aufgabe einen Schlafplatz zu finden. Wir hatten beide eine Hängematte dabei, da es aber keine Bäume dort gibt, oder eigentlich gar nichts gibt, haben wir uns entschlossen noch ein Stücken weiter zu fahren in Gegend von Ein Gedi, der Oase. Diesmal nahm uns ein netter Kerl aus Eilat mit, der in Jerusalem seine Eltern besucht hatte. Ein Gedi besteht eigentlich nur aus einem Strand, einem Kibbuz, einem wunderschönen Naturreservat, Jugendherberge und eine Baumschule. Nachdem wir abends auf der Suche nach Essen nur einen überteuerten Kiosk fanden, ließen wir es mit einem Sandwich gut sein und versuchten am Strand einen geeigenten Platz zwischen Palmen für die Hängematten zu finden. Das einzige Problem dass sich leider heraus stellte, war, dass unsere Schnürre zu dünn waren, so dass wir letztlich auf dem Boden geschlafen haben. Es ging ein enormen Wind, der uns den Sand in die Wäsche bließ und dennoch war es abartig warm. Zudem hatte die israelische Army zu dem Zeitpunkt einen Aufenthalt mit fetter Party am Strand, sodass es mit dem Schlafen nicht ganz einfach ausfiel. Morgends um 5Uhr wurde man bereits von der aufgehenden Sonne geweckt, was man selbstverständlich photographisch festhalten musste. Bis 8Uhr haben wir versucht weiter zu schlafen, da knallte jedoch die Sonne mit 44Grad bereits auf uns nieder. Nach einem kurzen Badeaufenthalt diesmal bei sanftem Wellengang und einer Morgendusche machten wir uns auf zu dem wohl schönsten Ort in ganz Israel, dem ein Gedi Naturreservat. Es erstreckt sich über ein riesiges Gebiet mit Oasen, Wasserfällen, Pools, Tieren, Pflanzen, Bergen, Höhlen, Ruinen und einem herrlichen Ausblick über das Tote Meer. Schaut euch aber am besten die Bilder an, die sagen bedeutend mehr. Anschließend sind wir mit dem Bus an Masada, der Bergfestung des Herodes und an Ein Boqeq die Touristen-Kur-Stadt (eigentlich nur ein kleines Dorf mit ein paar Hochhäusern) vorbei gefahren und in Neve Zohar, eine der südlichsten Städte am Toten Meer, ausgestiegen. Von dort aus sind wir zur nächst größeren Stadt Arad etwas weiter im Landesinneren getrampt, der uns nicht abnehmen wollte, dass die meißten Deutschen keine Klimaanlage besitzen. Etwas kompliziert sind wir über Beer Sheva nach Tel Aviv gefahren und von dort aus nach Hause. Somit haben wir jede Menge gesehen und auch einen Haufen Beduinen in der Wüste, welche größtenteils in improvisierten, aus Müll zusammengebauten Hütten leben.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Unter Freunden

Heute ist der große Tag, an dem ich euch in meinen Alltag einweihen werde! Mittlerweile kenne ich meine "Friends" (So heißen die Autisten hier) recht gut und kann euch somit einiges erzählen.
Ich arbeite 5Tage die Woche je 7Stunden. Meistens in der Abend-Schicht, das heißt von 15 bis 22 Uhr (Ausschlafen!!!!). Nur am Freitag und Shabbat arbeite ich meißtens vormittags. Seit neuestem fahren wir mit Fahrrad zur Arbeit (9,5 km), da es- kompliziert ist mit dem Bus abends heim zu kommen, zudem er uns 70Euro im Monat kosten würde! So viel hat gerade einmal mein Fahrrad gekostet :P
Wie ihr seht, hab ich also sehr viel Freizeit die ich natürlich auch nutze, momentan hauptsächlich um zu reisen. Essen bekommen wir auch viel vom Kfar Ofarim (Autistenheim), sodass wir das Essensgeld kaum benötigen. Somit stehen mir monatlich 1200 Shekel (ca.260€) plus das Kindergeld von 180€ zur Verfügung. Ich sags euch, für mich ist das echt en Luxus ;)
Kurz noch was zur Wohnsituation: mit Andy hab ich mich echt gut angefreundet, mit arbeiten auch direkt nebeneinander (gemeinsame Küche) und machen immer gemeinsame Trips durch die Ära. Auch mit den anderen verstehn wir uns ganz gut, haben aber nicht mit jedem so viel zu tun, verständlicherweise. Probleme sind zum Glück nur die Gewöhnlichen (Wer hat sein Geschir nicht abgewaschen? Wer hat noch kein Wassergeld gezahlt? Wann putzen wir mal wieder? AAAAAAAHHH!!!!! Sind die FETT geworden! (Dabei sind die Kakerlaken gemeint).
Ansonßten kann ich mich nicht beklagen, auf den Straßen findet man so ziemlich alles was man zum Leben braucht :)
Gestern hat übrigens endlich unser Ulpan (Sprachkurs) angefangen! Jeden Montag 2Stunden über ein paar Monate hinweg. Leider nichts sonderlich viel dafür aber intensiv. Die Lehrerin ist echt qualifiziert und macht ihre Arbeit gut, auch wenn auf Englisch.
Okay jetzt mal was zur Arbeit. Das Kfar ist ein großes Haus mit Außenanlage und hohem Zaun drum. Es hat einen Pool, Großküche, Wäscherei, Kraftraum, Sportplatz, Auditorium, viele Einzelräume für Workshops, Therapien und Entertainment (Keramik, Yoga, Karaoke, Perlenketten basteln, chinesisesch Massage-Zeugs, Drama-Therapie, Musik, Trommel-Workshop, uvm.). Sehr vielfältig, aber leider auch sehr primitiv da die Leute es leider einfach nicht so drauf haben. Und den größten Teil machen die 8Apartements aus mit je 9Autisten. Sie werden hier "Häauser" (Beit) genannt. In einer Schicht arbeiten 3Guides (Aufpasser), nur in der Nachtschicht wird alleine gearbeitet. Die meißten Guides sind zwischen 23 und 33 Jahre alt (so ganz grob) und sind größtenteils echt nett, auch wenn es mit manchen etwas Zeit gebraucht hat um warm zu werden. Welch ein Glück, dass ich in Beit Gefen arbeite, in dem scheinbar die coolsten Friends und Mitarbeiter arbeiten. Und ja, mittlerweile macht es immer mehr Spaß hier zu arbeiten. Einen typischen Tagesablauf gibt es nicht. Jeder Tag ist anderst. Zum einen hat jeder Friend seine bestimmten Aktivitäten die er besucht, oftmals fällt aber auch was aus, dann dürfen wir improvisieren. An Pool-Tagen versuch ich mir immer einen von den Friends zu schnappen und ihn in den Pool zu zerren. Wenn sie nicht wollen, geh ich eben alleine ;)
Naja aber so ganz grob mal der Ablauf: Wenn ich ankomm dusche und ess ich erst mal in Ruhe so ne Stunde, da die Friends gerade Nickerchen machen. Um 4 gibt es "aruchat arba", eine kleine Zwischenmahlzeit. Anschließend geht man in den Garten, wo man eigentlich nur rumsitzt, Basketball spielt oder hebräisch lernt oder aber mit den Guides sich unterhält. Alternativ gibt es von 4 bis 6 an vielen Tagen den Pool, welchen ich natürlich bevorzuge. Ab 5 ungefähr beginnen die Aktivitäten der Friends. Was ich beinah vergessen habe, am Nachmittag wird die Wäsche gemacht ("gwisa"). Ein sehr zeremonieller Akt. Itai und ein Guide holen die Wäsche mit dem Aufzug ins Haus, die Guides legen sie zusammen, Moti räumt sie auf (seine Lieblingsbeschäftigung). Ich versuch ihm gerade beizubringen alles selber zu machen. Anschließend muss Gili auf seinem Platz immer seine Wäsche mit mindestens einer Unterhose und einem schwarzen oder blauen Pärchen Socken (je nach dem worauf er gerade Lust hat) liegen. Wenn außerdem jemand anderes seine Klamotten trägt, ist er eiskalt und zieht sie ihm aus, egal ob auf dem Klo oder ob er gerade mitten in der Küche steht. Um 7 Uhr circa gibt es Abendessen, was von uns nur noch auf die Teller verteilt und eventuell warm gemacht werden muss. Davor wird jeder geduscht ("miklachat") der es nicht selbständig kann. Nach dem Essen kommt irgendwann noch die Medizin und danach sind sie wie tot, der Tag ist zu Ende (ca. 8Uhr). Dann schaut man Fernseh, macht lustige Spielchen mit den Autisten und versucht sie ins Bett zu bekommen. Zähneputzen ist natürlich auch noch irgendwo drin. Folglich kommt es des öfteren vor, dass wir eine Stunde früher gehen, je nach dem wann man mit der Arbeit fertig ist. Manche Tage gehen schnell vorbei wenn man was zu tun hat, aber vor allem am Wochenende, da die religiösen Juden ja nicht arbeiten dürfen, findet auch kein Programm statt und somit langweilt man sich hauptsächlich. Welch ein Glück dass wir Computer im Haus haben...
Im alten Teil des Kfars (in dem ich arbeite) sind die Apartements noch etwas kleiner und zwei müssen sich eine Küche teilen. Bis auf dass es recht eng ist find ich das aber ganz nett, da man sich gegenseitig untersützen kann und einfach flexibler ist. Ist im eigenen Haus grad nichts los, schaut man halt zu den anderen rüber, hat jemand Geburtstag oder es ist Shabbat, feiert man zusammen. Zudem dass wir hier sehr viel Geburtstag feiern (Itais haben wir innerhalb von ein paar Wochen schon dreimal gefeiert! Und bei Chraimons haben wir einen Ausflug in einen Park gemacht und gegrillt). Es gibt immer wieder willkommene Abwechslungen, beispielsweise letzte Woche ein Betriebsausflug in ein edles Hotel in Herzlya am Meer mit Pool und fettem Essen! Und ja, wir haben uns ordentlich im Fett gelabt.
Mein Hausmanager, Iftach, ist echt nett. Er kann zwar nicht gut Englisch und spricht immer sehr leise und ist sowieso ein sehr ruhiger Typ aber er versucht einem jeden Wunsch zu erfüllen und ist sehr verständnisvoll. Es geht das Gerücht herum, dass er schwul sei, was ich mir auch durchaus vorstellen kann, aber das wirkt sich glücklicherweise ja nicht negativ auf unser Arbeitsverhältnis aus :)
Meine Friends sind auf sehr unterschiedlichem Niveau. Der bunte Mix macht es aber erst richtig interessant, spaßig und abwechslungsreich. Manchmal kringelt man sich vor Lachen, oft macht es mich traurig ihre Eingeschränktheit zu sehen, ebenso können sie einen total nerven und langweilen. Die Vorstellung jedes Einzelnen werd ich aber wohl verschieben um den Post nicht zu voll zu stopfen und zeig euch dann ein paar Bilder.
Übrigens: Meine Wohn- und Arbeitsadresse findet ihr jetzt unter der Rubrik Kontakt. Bitte schickt nur an die Arbeitsadresse, dass ist sicherer und einfacher für mich. Ich freu mich über jede Nachricht von euch, wenn ihr auch Post wollt, gebt mir einfach eure Adresse...

So beende ich nun diesen Post mit sonnigen Grüßen und wünsch euch Gottes Segen!
Shalom, euer Raphi