Freitag, 29. April 2011

Unerwarteter Besuch

Vor gut drei Wochen fand ich in meinem Postfach eine Mail von einer nicht geringeren Person als... meiner Mutter. An sich nichts Besonderes. Ganz anderst hingegen der Inhalt.
Hallo Raphi,

ich habe kurzfristig vor, Dich zu besuchen. Da am 12. April mein letzter Arbeitstag ist, kann ich ca. 13., 14. bis 25., 26. April kommen.
Gehrtdas bei Dir?
Du mußt nicht die ganze Zeit Urlaub haben. Paar Tage wären schön.

Erwarte Deine schnelle Antwort

Mama
Ja und so schnell gings dann auch und jetzt ist sie schon wieder zuhaus. Ich nahm mir ganz selbstlos die zwei Wochen frei, plante einen schönen und vor allem gehaltreichen Urlaub und dann gings schon los. Bei Mamas Ankunft war ich noch arbeiten, aber danach war die Freude um so größer. Ein paar Kilo Essen hat sie nämlich mitgebracht, darunter Schweinshaxen, Salami, Bergkäse, Kalter Braten und Backzutaten. Nicht zu vergessen die Original Thüringer Bratwürste! Die Hälfte der Zeit verbrachten wir in Jerusalem, da es ein unerschöpfliches Kontingent an Sehenswürdigkeiten birgt. Während meiner Vorträge über Geschichte, Kultur und Politik, war die Resonanz meiner Mutter jedoch meißt: Oh sind die Blumen aber schön. Und das ist ja alles so bunt!
Nun gut. Außer einem Feigenbaum und ein paar Olivenbäumen hab ich meines Wissens nach zwar nichts an botanischem Gut erwähnt, aber was sollst.
Insgesamt hatten wir ein sehr durchmischtes Programm, da auch Pessach und Ostern in denselben Zeitrahmen fielen. So begannen wir mit einem Lobpreis-Konzert mit nur hebräischen Liedern in der King of Kings Community und am Tag darauf, dem Pessach-Anfang waren wir bei einer messianisch-jüdischen Familie aus England zum sogenannten "Seder-Abend" eingeladen. Seder bedeutet Ordnung und das sollte an diesem Abend auch herschen. Das Fest erinnert in acht Tagen an den Auszug von Ägypten und diese Geschichte wird am ersten Abend vorgelesen und symbolisch mit Ritualen begleitet, so wie es in der Thora angeordnet ist. Es gab lecker Lamm zu Essen und englischen Kuchen, einige Stunden lang wurde gefeiert.
Mutti machte sich außerdem alleine auf nach En Gedi und Massada, beides gelegen am Toten Meer, beides ein Muss in Israel. Zu Osteranfang stieg die Tourismuswelle natürlich wieder besonders an und jede Menge Christen machten sich für ihre Zelebrationen bereit. Dazu gehört den Leidensweg Jesu mit Kreuz auf dem Buckel zu gehen und bei den russisch-orthodoxen sich und den Osterkuchen mit möglichst viel Wasser weihen zu lassen, sodass alles zu triefen anfängt. Wir hingegen besuchten nur einen Gottesdienst im Gartengrab, der protestantischen Alternative zur Grabeskirche. Die letzten drei Tage fuhren wir etwas im Land herum, zum See Kinereth, hinauf in das Kabbala-Zentrum Safed im hügelreichen Galiläa und letztendich über Akko und Haifa nach Jaffo/Tel Aviv, von wo aus die Rückreise angetreten wurde. Das Wetter hat super mitgemacht, der Frühling hat die Mutter mir Duft und Blumenpracht erfreut und nächste Woche gehts schon weiter mit der nächsten Tour, meine älteste Schwester Ywi kommt mich nämlich für eine Woche besuchen.

Dienstag, 5. April 2011

Fahrrädchen und Häschen

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Bericht stehen, den ich bereits vor ein paar Tagen verfasst habe...
Tut er aber nicht. Oder um genauer zu sein, noch nicht. Also überspring ich einfach mal 30 Tage und erzähl euch etwas anderes.
Da wäre zum einen mein Fahrrad. Erinnert man sich daran? Das hab ich mir ganz zu Beginn in Tel Aviv gekauft und hat mir treue Dienste geleistet, bis DIE Scherbe kam. Ja die hatte es so richtig in sich, danach lief das Fahrrad nämlich nie mehr als zwei Tage! So bin ich ein Monate lang immer wieder mit dem Fahrrad im Bus zum Händler gefahrn, einiges an Geld liegen gelassen und letzten Endes, als er nicht mehr weiter wusste, gab er mir ein anderes Radel. Das war sein großes Experiment. Er nahm einen guten alten Alu-Rahmen, bestückte ihn komplett neu und für einen kleinen Aufpreis durfte ich es mein Eigen nennen. So weit so gut, bis die erste Fahrt zur Arbeit anstand. Zielstrebig rasste ich über rote Ampeln um vor gestressten Autofahrern zu fliehen und dann... mitten auf der Kreuzung, ZACK! Kette gerissen. Und die war erst ein Tag alt ihr Lieben. Das entstandene Hupkonzert erheiterte sehr. Mit Ach und Krach kam ich letztlich eine Stunde zu spät bei der Arbeit an um mir anzuhören, dass ich gar nicht arbeiten muss. Ja, das war voll und ganz mein Tag :)
Nun dann zurück zur Fahrrad-Odysee. Als ich mich endlich aufraffen konnte das Fahrrad zum Laden zu bringen, war der liebe Verkäufer schon so weit, dass er mir nichts mehr für die Reparatur mehr abzwacken wollte. So kam ich eine Weile später wieder zum Geschäft, als sich bereits die wunderbare Botschaft kund tat, dass ich nach Jerusalem wechseln werde, um das Zweirad endgültig meinem Fahrradhändler zu überlassen. Er empfing mich mit seinem netten und mit jedem Mal mehr bemitleidendem Lächeln um mir dieses Mal mitzuteilen, dass jemand mein Fahrrad gestohlen hätte, er mir aber ein anderes geben will. Daraufhin konnte ich nur grinsen, denn diesmal war das Pech zu meinem Glück. Er musste mir nun das Fahrrad erstatten und ich bestand darauf, dass er es mir auszahle. So bekamm ich letztlich 350 Shekel und bin ungefähr gleich teuer weg gekommen, wie wenn ich mit dem Bus gefahren wäre.
In Jerusalem tu ich mir das Fahrradfahren nicht mehr an, zudem es um einiges hügeliger und der Bus billiger ist.
Eine weitere Anekdote ist brandaktuell von dieser Woche. An meiner neuen Arbeitsstelle haben wir zwei weise Hasen. Diese machen für bekanntlich Dreck und stinken. Zur Zeit ist unser Chef Amer krank geschrieben, da er sich beim Fußballspielen den Arm gebrochen hat. Ersatzchef ist Menachem, der Supervisor von insgesamt drei Apartements, darunter auch unseres. Menachem scheint Reinheit und Hygiene sehr wichtig zu sein. Denn er mag es nicht Hasen im Haus zu halten. So hat er kurzerhand eigenwillig entschlossen die Häschen im nahegelegenen Park einfach auszusetzen. Tag danach fanden die Plüschwesen jedoch schon wieder den Weg bis zu unserer Straße hoch, wo sie von den umsichtigen Nachbarn aufgesammelt und zu uns gebracht wurden. Nun gut... so barmherzig wie wir sind, brachten wir sie in ihren Stall. Da gab es nur ein Problem, denn Menachem hat auch das Streu entsorgt. Improvisationskunst sei dank, wurden letztlich die super-saugfähigen XL-Windeln umfunktioniert und damit der Boden ausgekleidet.
Noch einen Tag später kam dann Menachem wieder vorbei, ganz entsetzt, was denn die Hasen hier machen! Nach erneutem Befehl sie raus zu schmeißen, fanden sie letztlich Gunst bei Rana, welche sie für ihre Tochter mit nach Hause nahm. Eigentlich mag Rana keine Hasen...

Montag, 4. April 2011

Hochzeit - Purim - Brotbacken

Seit dem 1.Maerz bin ich nun in Jerusalem und ich bereu es auf keinem Auge. Ich liebe die Stadt. Die Wohnung ist versuefft, wird auch "Bolivia-Zoo" genannt. Nicht zu unrecht, da in unserem Apartement in der Bolivia-Street mitlerweile ein Hund und zwei Katzen beheimatet sind. Und wer weis was da sonst noch so lebt :)
Die Tiere sind alle von der Straße aufgesmmelt, dementsprechend unartig, aber einfach zum Knuddeln.
Die Arbeit ist komplett verschieden im Vergleich zu Autisten, aber macht dennoch sehr viel Spass. Ich arbeite nun mit schwer koerperlich und geistig Behinderten Menschen, die koennen also fast gar nichts. Die Arbeitsatmosphaere ist total entspannt. Wir haben drei Maenner zwischen 20 und 60 und zwei Frauen. In einer normalen Schicht arbeiten also zwei Maenner die sich um die drei Jungs kuemmern und eine Frau fuer die weibliche Fraktion. Ist also wirklich super entspanntes Arbeiten. Was mir auch sehr gut tut ist die Ruhe. Sie koennen alle nicht reden. Der Laermpegel zuvor mit den Autisten hat mir doch schon zu schaffen gemacht. Auch den Bus kann ich mir sparen da ich nur 10 Minuten Fussweg zurueck zu legen habe.
In meinen ersten paar Wochen hier ist schon wieder viel gerschehen. Den ersten Sonntag bin ich frueh raus und hab die Baptist Church besucht. Dort war ein cooles Orchester aus Amerika zu Besuch und ich habe noch einen anderen deutschen Volontaer kennen gelernt, Michael. Ein Prachtskerle. Er bereits das Hebraicum hinter sich und ist gleich alt wie ich. Wir sind dann spontan zusammen ins Davis Tower Museum ueber die Geschichte Jerusalems, sehr interessant, sehr empfehlenswert. Zudem konnte er mir aus seinem umfangreichen Bibelwissen immer gute Erlaeuterungen geben. Anschliessend sind wir in die King of Kings Community gegangen. Das ist die groesste Gemeinde in Jerusalem mit rund 600 Besuchern mit amerikanischem Pastor. Ist eine sehr geistgefuehrte Gemeinde, hat mir gefallen und geh ich jetzt regelmaessig hin. Uebrigens hab ich an dem Sonntag zufaellig auch noch Ellen mit Mutter und Monika mit Tochter aus unserer Gemeinde getroffen. Mit ihrem Lobpreisleiter Jamie hab ich mich auch schon zu einer Jam-Session getroffen und bin nun als Aushilfs-Schlagzeuger dabei, da fuer die kurze Zeit ein Volleinstieg sich lohnt. Hier faellt es mir wesentlich einfach Leute kennen zu lernen als in Tel Aviv, da hier mehr meine Interessen teilen. Es gibt auch so viele interessante Angebote, von 24/7-Gebetsraeumen, ueber Museen und die Altstadt an sich natuerlich. Ich werde nun auch versuchen mich in der Jugend und in einen Hauskreis zu integrieren. Ein Highlight war sicherlich die juedische Hochzeit die wir besuchen durften.Die Familie des verstorbenen Naftalis, welcher bei uns in Pflege war, lud uns zur Hochzeit seiner Schwester ein. Sie sind sehr religioes, was das ganze besonders interessant machte. Unter den rund 200 Besuchern waren wir beinah die einzigen ohne schwarzen Hut und Kipa. Es begann um 19Uhr, wir waren eine Viertel Stunde zuspaet und dennoch zu frueh. Wir waren eine der ersten! Eine Stunde spaeter wurde es langsam voll und die Zeremonie begann. Der Mann wartete mit den Vaetern unter dem Baldachin und die verschleierte Braut wurde unter Begleitung zu ihm gefuehrt und umkreiste ihn sieben Mal. Dasselbe mit dem Mann und dann haben saemtliche Rabbis noch nen Segen gesprochen (sehr amuesant, da sie versuchen es zu singen), die Ringe werden aufgesteckt und danach geht die Party los. Das frisch verheiratete Paerchen huepft erst mal in die Kiste, waehrend die Gaeste (Maenner und Frauen stets separiert) essen. Nachdem das Brautpar fertig ist, wird erst einmal getanzt, gegessen, gesegnet, zeremoniert, getanst, gegessen und so weiter. Die Musik war meiner Meinung nach fast unertraeglich laut, aber das hat niemanden gestoert. Sogar die alten Opis haben getanzt so gut sie konnten. Richtig cool, die wissen wie man Party macht :)
In der selben Woche wurde auch Purim gefeiert. Es gedenkt der Geschichte aus dem Buch Esther, die Koenigin, welche damals die Jugendvernichtung verhindert hatte. Zu diesem Anlass verkleiden sich alle Leute so wie bei uns an Fasching und besaufen sich. Und zwar auch alle Juden! Denn das ist im Talmud so geboten. Die King of Kings hat zu diesem Anlass den Film "One night with the king" die biblische Geschichte aus dem Buch Esther gezeigt. Sehr empfehlenswert!
Aber es gibt auch unschoene Seiten hier. Gestern gab es ein Bombenattentat beim Busbahnhof. In diesem Ausmass ist das seit 2004 nicht mehr passiert. Betroffen war hauptsaechlich die Linie 147, die zu der bedeutendsten Siedliung Israels faehrt. Von uns ist niemand betroffen. Zur selben Zeit hat sich auch der Raketenbeschuss aus Gaza auf Beer Sheva und Ashdod erhoeht, in Hebron gab es ebenfalls Unruhe.
Und jetzt das Aktuellste; meine naechste Mission besteht darin, mein erstes Brot selbst zu backen. Meine nete franzoesische Zimmergenossin wird es mir beibringen.
So viel mal wieder von mir, ich hoffe es geht euch allen gut!